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Kunstflug WM 2012

Weltmeisterschaft im Segelkunstflug

Slowakei im Jahre 2012

 

Segelkunstflug ist einfach unvergleichlich. Nach dem F-Schlepp klingt man in der  Box aus, sucht sich präzise die richtige Startposition und wackelt zackig an. Noch ist es leise, aber eine Sekunde später rauscht die Luft nur so ein einem vorbei, ein kurzer Ruck am Knüppel und man wird in den Sitz gedrückt – die Erde ist jetzt über einem und die Sonne darunter. Ein beherzter Tritt in ein Pedal und das Horizontbild ist wieder völlig anders. Drei Minuten lang geht es noch so weiter – volle Anspannung, höchste Konzentration um die Bögen, Kreise und Rolle auch harmonisch in die Box zu zaubern und nicht in die falsche Richtung abbiegen und am Ende der Höhe auch alle Figuren geflogen zu haben.

Am Ende des Fluges ist der Puls auf 180 und man muss kräftig durchatmen, aber in diesem Augenblick ist man sich sicher, das Fliegen das zweit schönste Gefühl ist, das es gibt…

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An die Qualifikation zur Weltmeisterschaft bin ich, Stefan Reismann  ganz unverhofft gekommen. Nachdem ich im Jahr 2009 an den Blockmeisterschaften in Pfarrkirchen teilgenommen hatte, war ich durch einen Platz im Mittelfeld für  die Deutsche Meisterschaft im nächsten Jahr qualifiziert. Dort konnte ich mich wacker schlagen und war automatisch für das nächste Jahr qualifiziert. Beim zweiten Anlauf 2011 hatte ich mehr Erfolg und konnte mich im vorderen Drittel platzieren.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte kam plötzlich in der Winterpause über mich. Eugen Schaal – der aktuelle Weltmeister in der Unlimited Kür sagt mir, das er den Fox (Kunstflugzeug) für mich reserviert hätte, ich sei schließlich qualifiziert. Wofür? Für die Weltmeisterschaft im Segelkunstflug 2012 in der Slowakei.

Zunächst habe ich noch gezögert, aber dann diese Chance beim Schopf gefasst. Ich sagte also zu und machte mich an die Planung.

Im Vorfeld zeigte sich bald, dass man sich auf einen internationalen Wettbewerb vorbereitet. Ich musste vom DAeC offiziell akkreditieren lassen; ich musste eine Anti-Doping- und eine Fair-Play-Erklärung unterzeichnen. Sogar eine „Pressekarte“ musste ich erstellen.

Nach einer Trainingswoche in Dierdorf, die allerdings im Regen versank, ging es dann los.

Ich nahm den Hänger samt Fox an den Hacken und mich auf die 1000km lange Fahrt.

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Als ich dort ankam, bemerkte ich bald, wie professionell meine Mitbewerber dort auftraten: Die Franzosen, Italiener, Russen, Polen und Tschechen traten als Mannschaft mit Trainer auf, hier merkte man gleich die Titelambitionen. Die Spitzenpiloten hatten über 100 Trainingsstarts – in dieser Saison! Wenn man sie in der Luft beobachtete, es passte bei Ihnen alles: Die Raumaufteilung, die Figurenabstände und die Winkel innerhalb der Figuren, noch vor meinem ersten Start wurde ich etwas demütig und dachte mir: Dabei sein ist auch schon was wert.

Nachdem der Fox „Spucknich“ zusammengesteckt war machte ich mich auf zur Vorbereitung meines ersten Trainingsstarts. Geschleppt wurde bei diesem Wettbewerb mit zwei LET Z-137 „Turbo-Čmelák“. Das sind auf Turbinen umgerüstete Sprühflugzeuge mit unbändiger Leistung von 360kW also fast 500 PS. Diese irren Leistungen und der damit verbundene Kersoinverbrauch führte zu einer etwas anderen Art des Segelflugstarts.

Der Start wurde im vorderen Drittel der Start und Landebahn aufgebaut. Man musste fix und fertig gecheckt im Flieger sitzen, wenn die Cmelak hinter einem landete. Sie machte dann einen kurzen Schlenker vor den startbereiten Segler. Mit einem Eisenhaken wurde das Schleppseil im Laufschritt zum Einklinken gezogen, wo ein zweiter Starthelfer sofort einklinkte. Dann – ohne eine Funkspruch oder eine Freigabe gab der Schlepppilot Gas. Aus den Propellerböhen wurde eine wahrer Propellersturm. Ähnlich einem Windenstart wurde man in den Sitz gedrückt und nach wenigen Metern Rollstrecke war man in der Luft. Die Vario’s gingen auf Anschlag und die Schleppmaschine verschwand vor einem im Himmel. Jetzt musste der Schlepppilot achtgeben nicht von unten in die über der Startbahn liegende Fox einzufliegen! Nach nur viereinhalb Minuten Schlepp war man auf 1200m angekommen. Dann wackelte der Pilot einmal mit den Flügeln und stellte dann die Propellersteigung auf „null“ und stürzte sich wider zum Platz zurück – hier durfte man auf keinen Fall das Ausklingen verpassen…

Die Landschaft die man nun zusehen bekam war bemerkenswert. Das Tal der Waag, im Hochsommer  recht trocken von zwei malerischen Hügelketten gesäumt in denen es praktisch keine Wege gibt. Vereinzelt sollen dort sogar Wölfe vorkommen.

Aber es bleibt eigentlich keine Zeit zum Genießen, Das Programm mit einigen kniffligen Figuren muss in die Box geklemmt werden und es wäre auch nicht verkehrt, wenn am Ende der Höhe alle Figuren auch wirklich geflogen hat und schließlich hatte ich auch den Ehrgeiz, mich nicht völlig zu blamieren. Doch dies sollte bald kommen. In jedem Wettbewerb wird die bekannte Pflicht geflogen, also das Programm, dass im Winter veröffentlicht wurde und das jeder zuhause üben konnte. Aber schon in der 2. Figur bog ich in die falsche Richtung ab und kassierte die erste „hard zero“, das bedeutet für diese Figur gibt es keine Punkte. Glücklicherweise bemerkte ich meinen Fehler sofort – wendete – und konnte die nächsten Figuren noch sauber und korrekt zu ende fliegen, Es reichte um nicht Letzter zu sein…

Am Abend folgte die offizielle Eröffnung durch einige lokale Politiker und Funktionäre. Dabei marschierten alle Nationen im Trikot auf, das war schon beeindruckend!

Die folgenden Tage folgten einem immer ähnlichen Schema: Es wurden die Startreihenfolgen mittels „Bierdosenlose“ (die Nummer war mit Edding auf die Dosenunterseite geschrieben) ermittelt, es wurde Startbereitschaft hergestellt und in der slowakischen Hitze gab jeder Pilot sein Bestes. Mir gelang es Tag für Tag mich etwas nach vorne zu fliegen. Bald zeigt sich das die Italiener nicht zu schlagen waren – sie belegten stets die vorderen Plätze. In der Mannschaftswerte kam es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der polnischen Mannschaft. Dieser war eng bis zum letzten Wertungstag: Uns trennten etwa 30 Punkte, das ist weniger als eine misslungene Figur. Und bei Blick auf das zu fliegende Programm zeigte sich auch bald, was den Unterschied ausmachen würde: Ein „Weibchen“ mit einer Viertelrolle in der Abwärtslinie wird über die Vizeweltmeisterschaft entscheiden. Es gab aber einen Unterschied zwischen den Mannschaften: Es waren 3 Polen in den Punkten, von den Deutschen waren aber 4 in Schlagreichweite. Dies bedeutete, wir hatten eine Chance mehr, die Figur zu schaffen. Für mich überraschend, ich war einer der Deutschen auf die es ankam. Entsprechend nervös wurde ich als ich an der Reihe war. Und dann zeigte ich Nerven und nullte exakt dieses Weibchen. Auch mein Mannschaftskapitän schaffte es , den Konkurrent und Freund Dirk Maslonka,  durch blitzsauber Figuren auf Distanz zu halten. Deutschland wurde Vizeweltmeister mit nur 60 Punkten Abstand bei einer Gesamtsumme von 22431,19 ein wirklich knappes Ergebnis…

 

Nach zwei Wochen ging dann ein für mich wirklich unvergessliches Ereignis zu Ende und ich war mit einem Platz 28 von 38 innerlich doch sehr zufrieden.

Stefan Reismann

Comment(1)

  1. Andreas Frankrone says

    Glückwunsch an alle Teilnehmer,
    super Event und bestimmt eine tolle Erfahrung für dich Stefan.
    Wie geht es weiter?
    Ich bin gespannt.
    Andreas

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